Job Crafting und Muttersein

Job Crafting und Muttersein

Von Christina Wolf

Ein Gedankengang rund um WOL und Muttersein umtreibt mich schon seit einiger Zeit. Im Zuge eines WOL Circles begegnet man in Woche 6 dem Konzept des Job Crafting. Hier zitiert John Stepper eine Studie von Amy Wrzesniewski und Jane E. Dutton, die untersucht haben wie Menschen ihre berufliche Tätigkeit wahrnehmen und welche Einflussmöglichkeiten existieren um diese Eigenwahrnehmung zu verändern.

Laut dieser Studie ordnen Menschen ihre berufliche Tätigkeit einer der folgenden 3 Kategorien zu:
Als Job – etwas, das ich mache um Geld zu verdienen für meinen Lebensunterhalt
Als Karriere – etwas, das für mich eine Weiterentwicklung ist und meine Bedürfnisse nach Anerkennung befriedigt
Oder als Berufung – etwas, das mich erfüllt, das zu tun mich glücklich macht.

Es gibt Berufe, die in der allgemeinen landläufigen Wahrnehmung häufig in eine dieser 3 Kategorien eingeordnet werden – von außen betrachtet wohlgemerkt. Arzt, Lehrer, Staatsanwalt – das sind „Berufungen“. Manager, Politiker, Unternehmensberater – das sind „Karrieren“. Reinigungskraft, Buchhalter, Taxifahrer – das sind „Jobs“.

Erstaunlicherweise – oder auch nicht – haben die beiden Forscherinnen festgestellt, dass bei ihren Befragungen zur Eigenwahrnehmung über alle diese Berufsgruppen die Aufteilung in diese Kategorien gleich war. D.h. anteilig nehmen gleichviele Lehrer, Manager oder Reinigungskräfte ihren Beruf als Job, als Karriere oder als Berufung wahr.

Eigentlich ganz logisch, weil wer kennt nicht den einen Typ aus dem Bekanntenkreis, der „der geborene Buchhalter“ ist und voll in seinen Exceltabellen aufgeht? Oder den Lehrer, der seit Jahren die gleichen Arbeitsblätter rausgibt und seine Schüler in keinster Weise für ein Fach begeistern kann? Oder die Schulkameradin, die schon mit 12 im Kinderparlament saß und in den Sommerferien Praktika bei allen möglichen politischen Institutionen gemacht hat – klar, dass die jetzt Politikerin ist.

Für Unternehmen ist es natürlich interessant zu verstehen, was passieren muss, damit die Mitarbeiter ihren Beruf auch als Berufung wahrnehmen. Hier kommt das Job Crafting ins Spiel – Veränderungen in der Aufgabenvielfalt, des Aufgabenbezugs oder der Aufgabentiefe die es mir ermöglichen eine größere Bedürfnisbefriedigung zu erlangen und damit meine intrinsische Motivation zu stärken.

Was mich in Zusammenhang mit diesem Konzept als Mutter nachdenklich gemacht hat: Muttersein wird gesellschaftlich standardmäßig in die Kategorie „Berufung“ eingeordnet. Jede Frau ist berufen dazu Mutter zu sein. Mütter sind immer lächelnd, immer glücklich, einfach nur zufrieden ein oder mehrere Kinder geboren zu haben und ihnen beim Wachsen zuzusehen.

Ok, mittlerweile ist durchaus anerkannt, dass Hausfrau und Mutter auch ein Job ist, eine soziale Dienstleistung, allerdings einer ohne monetäre Bezahlung und damit ohne Beitrag zum BIP. Aber suggeriert mir die Werbung nicht auch oft genug, dass Muttersein, und vor allem Working Mum sein, auch eine Karriere ist? Weil ich bin ja jetzt Familienmanagerin, Psychologin, Eventorganisatorin, Ersthelferin, Logistikplanerin und Mobilitätsdienstleister, Haushaltsfachkraft – ach ja, und berufstätig, Partnerin und liebevolle Mama (ohne jemals auch nur annähernd ins Schwitzen zu kommen).

Was ist denn nun Muttersein? Berufung, Job oder Karriere?

Ich glaube mittlerweile, auch hier ist die Verteilung gleich – wie in den anderen Berufen. Allerdings glaube ich, nein weiß ich, dass es verdammt schwer ist, das für sich zu reflektieren und sich mit der gewonnenen Erkenntnis auseinander zu setzen. Da treffen verschiedenste Kraftfelder aufeinander, die mal mehr mal weniger bewusst an mir zerren und mich in die eine oder andere Richtung ziehen. Ein kleines Potpourri an Aussagen, die ich so gehört oder erfahren habe:

  • Wie bitte, sie bringt das Kind mit einem knappen Jahr in fremde Betreuung um wieder zu arbeiten? Haben die das Geld so nötig?
  • Wie bitte, sie bleibt jetzt beim zweiten Kind länger als 1 Jahr daheim? Die hat doch studiert, diese gute Ausbildung war ja dann mal völlig unnötig.
  • Wie bitte, die arbeitet wieder Vollzeit und geht auf Dienstreisen? Na die muss aber Karriere-geil sein.
  • Wie bitte, die geht heute um 15 Uhr um beim Laternenumzug ihres Kindes dabei zu sein und kommt nicht zum Meeting? Na klar, die Mütter eben, mit den Kindern verlieren die jeglichen Sinn für ihre Karriere.
  • Wie bitte, die kommt nach 3 Monaten wieder arbeiten und der Mann bleibt daheim? Na gute Kinderversorgung geht anders, also stillen kann die dann ja nicht.
  • Wie bitte, die nächste Karrierestufe für sie? Die ist doch gerade Mutter geworden, das können wir ihr doch jetzt nicht zumuten.

Ich denke, ihr kennt noch viel mehr solcher Aussagen oder erstaunt-empörter Fragen.

Um mich in dem ganzen Wirrwarr an Ansprüchen von meinem Umfeld, von tatsächlichen und unterstellten Ansprüchen und nicht zuletzt meinen ganz eigenen Ansprüchen an mich selbst zurechtzufinden hat mir der Gedankenanstoß des Job Crafting Konzepts geholfen, Klarheit zu schaffen.

Ich habe vor Working Out Loud schon gefühlt, dass ich eine bessere Mutter sein kann, wenn ich arbeiten gehe und dabei anspruchs- und verantwortungsvolle Aufgaben wahrnehme. Weil ich dann eine zufriedenere Mutter bin. Es gibt für mich Anteile im Muttersein, die durchaus Berufung sind –Neugier in meinen Kindern zu wecken, die Lust Dinge zu entdecken, zu erforschen, zu hinterfragen, zu sehen, wie sich diese kleinen Persönlichkeiten entwickeln. Aber es gibt Anteile, die für mich Job sind – auf gesunde Ernährung zu achten, schauen, dass sie im Sommer Sonnenschutz tragen, Freizeitorganisation, Kindergeburtstage. Das mache ich auch alles sehr verantwortungsbewusst und auch gern, es ist ja mein Job als Mutter, aber es macht mich nicht zufrieden oder glücklich – oder gibt mir Anerkennung, wie es das bei anderen Müttern tut.

Und ich habe aufgehört, mich deswegen schlecht zu fühlen, dass das so ist, meistens jedenfalls.

Ich kann euch nur empfehlen, euch die Zeit dafür zu nehmen, zu reflektieren was Muttersein für euch ist – Job, Karriere oder Berufung. Die Klarheit hilft dabei, Entscheidungen zu treffen und Veränderungen anzugehen im Sinne des Job Crafting oder auch darüber hinaus.

Wie seht ihr das? Habt ihr auch schon mal sowas erlebt oder erfahren?
Ich freue mich auf eure Kommentare, Gedanken oder Fragen.

Links:
http://faculty.som.yale.edu/amywrzesniewski/documents/Craftingajob_Revisioningemployees.pdf
https://static1.squarespace.com/static/5602f08de4b0cb7ca5d4a933/t/5a99ae08652dead54a60de51/1520021001404/WOL+Circle+Guide+-+Week+6+v4.5.pdf

Photo by Dominik Scythe on Unsplash

2 Kommentare bisher

Simon FoggEingestellt am6:45 pm - Apr 22, 2018

I can recommend reading and applying the book Designing Your Life. This covers job crafting as well as a vey helpful exercise to define your life view and your work view. The book is best done as part of a group who are all reading and applying the book. This video by one of the co-authors is a good intro to the content of the book:
https://youtu.be/syJONL-pkyQ

Happy to take any questions. If anyone wants to be part of a group to go through the book, let me know. I facilitated a virtual group, running it like a WOL circle, last summer over 12 weeks where 8 of the 10 in the group were ladies. I may be able to connect you with others who also want to do this.

AudeEingestellt am7:24 pm - Apr 22, 2018

Christina, danke für dein Worte. Job, Karriere oder Berufung… so eine wahre Art die Aufgaben des Mutterseins zu kategorisieren. Und dabei kein schlechtes Gewissen zu bekommen. Danke!

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